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Das Sandaal-Problem

Wie Sandaale Schweinswal- und Seevogelpopulationen beeinflussen

Dieses Problem für die Schweinswale hatte keiner erwartet. Und es zeigt, wie komplex die Zusammenhänge des marinen Lebens sind: Eine Gruppe britischer Wissenschaftler hat herausgefunden, dass wegen der Klimaerwärmung in der Nordsee um 1,4 Grad in den letzten 40 Jahren die Zahl der Sandaale an den schottischen Küsten durch Abwanderung drastisch zurückgeht und deswegen in dieser Region Schweinswale häufig verhungern, wobei die Totfunde Zeichen von Unterernährung trugen (siehe auch Artikel des Meeresbiologen Colin D. McLeod in der Fachzeitschrift Biology Letters, Januar 2007).

published Deepwave Report 07

Bei diesen kleinen Delfinen, die nur 1,5 bis 2 Meter groß und 55 bis 65 Kilogramm schwer werden, kommt es auf jeden Millimeter Speckschicht an, damit sie nicht unterkühlen. Somit sind sie in der kühlen Nordsee besonders im Frühjahr – vor der Geburt ihrer Jungen – auf die Nahrungsaufnahme fettreicher Fische wie Sandaal und  Kabeljau angewiesen.

Speisekarte des Meeres wird immer leerer

Der Kabeljau ist, wie auch der Sandaal nicht mehr wirklich auf der Speisekarte des Meeres zu finden. Die Fischereien fahren schon lange nicht mehr im Familienbund hinaus. Einzelner Fischverkauf ist ebenfalls selten geworden. Massen werden abgefischt und massenhaft verkauft - gar tonnenweise in andere Länder aus dem asiatischen Raum exportiert, wo es diesen Fisch ansonsten nicht gibt. Dort taucht der Kabeljau dann wieder auf - nur teuer und auf einem Teller, also weniger lebensfroh!

Die Forscher der Universität von Aberdeen und des Scottish Agricultural College sind erstaunt darüber, dass die Schweinswale der Nordsee so unflexibel auf die Knappheit ihrer gewohnten Beute reagieren und nicht auf andere Fischarten umsteigen. Sandaale machen 19 Prozent ihrer Gesamtnahrung aus, die Schweinswale der Ostsee hingegen ernähren sich hauptsächlich vom Kabeljau. Einwanderer wie die nährstoffarme Große Schlangennadel (dem Seepferdchen verwandt) können dieses Defizit nicht kompensieren.

Spärliche Mahlzeit: Dreizehenmöwe mit einer Schlangennadel

Foto:
BFA-Fi/Hamburg/GSM

Die Meeresbiologin Petra Deimer, Vorsitzende der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuger (GSM), sagt dazu, dass neben der Klimaveränderung selbstverständlich noch ein ganz anderes, gravierendes Problem hinzukommt – der übermäßige Fischfang: „Die Industrie- oder Gammelfischerei, z. B. für die Produktion von Fischmehl, ist an einer solchen Nahrungs-Kettenreaktion schuld. Es ist ein Skandal, dass die moderne Fischerei noch immer nicht als eklatanter Eingriff in das sensible Ökosystem Meer verstanden wird - mit dramatischen Folgen, wie man sieht.“ Rainer Froese, Meeresbiologe am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, IFM Geomar sagte dazu in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: “Die Bestände in Nord- und Ostsee stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass beispielsweise der Kabeljau in ein bis zwei Jahren verschwunden ist. Die jetzt erlaubte Fangquote ist etwa so hoch wie der verbleibende Bestand.“

Auch Seevögel sind vom Rückgang betroffen!

Ähnlich wie diese Meeressäuger sind auch Nordsee-Seevögel vom Rückgang der Sandaale betroffen. Zu diesem Ergebnis waren bereits im vergangenen Sommer Wissenschaftler der Bundesforschungsanstalt gekommen. In einer vierwöchigen Forschungsreise an Bord der Walther Herwig III auf der Nordsee hatten sie festgestellt, dass die Zahl der Großen Schlangennadel drastisch zugenommen hat, und dass Seevögel anstelle der selten gewordenen Sandaale die energieärmeren Schlangennadeln fangen. Diese Art der Beute können die Jungvögel aber nicht hinunterwürgen. Die Folge: Es wurden Seevogelnester mit verhungerten Küken darin entdeckt, deren Eltern versucht hatten, sie mit Schlangennadeln zu füttern.     

Quellen:

Colin D. McLeod et al. (2006): Linking sandeel consumption and the likelihood of starvation in harbour porpoises in the Scottish North Sea: could climate change mean more starving porpoises? Biol. Lett. (online), doi:10.1098/rsbl.2006.0588
 

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